Typische Notfallsituationen
Eine Notfallsituation ist immer dann gegeben, wenn lebenswichtige Organ- oder Körperfunktionen nicht oder nur eingeschränkt aufrechterhalten werden können, wenn kaum oder nicht mehr zu behebende Schäden zu befürchten sind oder akute Lebensgefahr besteht (Ersticken, Verbluten, Kreislauf-, Atem- oder Herzversagen oder Aussetzen der Hirnfunktion).
Notfälle lassen sich mindestens einer der nachfolgend aufgeführten 10 Notfallgruppen zuordnen:
- Grosse Blut- und oder Flüssigkeitsverluste nach Erbrechen, Durchfall (z. B. Parvovirose), grossflächige Verbrennungen.
- Drohende oder bereits eingetretene Verlegung der Atemwege. Fremdkörper (im Kehlkopfbereich festsitzendes Spielzeug) und Schleimhautschwellungen im Rachen (z. B. Insektenstiche), Luftröhren-Risse.
- Erschwerung oder Behinderung der Atemtätigkeit (Verletzungen oder Tumoren im Brustraum und in der Lunge, akute Asthma-Krisen; allergische Reaktionen auf Insektenstiche).
- Herz- und Kreislaufprobleme (Schock, Herzkrankheiten, Blutvergiftung, allergische Sofortreaktionen).
- Teilweiser oder vollständiger Verschluss von Ausscheidungsorganen (Harnwegsverletzungen, Harnröhrensteine, Darmverschlüsse, Magendrehung, Nierenkolik).
- Wirbelsäulenverletzungen, Nerven-, Nervenbahn- und v. a. Rückenmarksschädigung (z. B. Dackellähme = Bandscheibenvorfall).
- Hirnstörungen (Krämpfe, Anfälle, Bewusstlosigkeit).
- Hochfiebrige Infektionskrankheiten (Gefahr der Blutvergiftung durch Bakterien).
- Offene Brüche, grossflächige oder offene Weichteilverletzungen (Strangulationswunden, tiefe Schürfverletzungen, grossflächige Muskelverletzungen, Sehnenrisse).
- Verletzungen und akut auftretende Veränderungen am Auge (Linsenluxation, Hornhautverletzungen, Augapfel-Vorfall).
Am meisten schwerst bis lebensgefährlich verletzte Unfallopfer unter den Vierbeinern fordert der Strassenverkehr. Selbstunfälle beim sportlichen Einsatz und in der Freizeit sind eher seltene Ereignisse, wenn man von Beissereien unter Hunden absieht. Gelegentlich enden diese sogar lebensbedrohlich für mindestens einen der beteiligten Raufer. Dies gilt vor allem dann, wenn ein deutliches körperliches oder kräftemässiges Missverhältnis zwischen den Kontrahenten besteht. Perforationen des Brustkorbes oder der Bauchdecke, Wirbelsäulenbrüche, Augenverletzungen (zuweilen Verlust des Auges) und grossflächige Muskelquetschungen können bleibende, wenn nicht tödliche Folgen haben.
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Abbildung 1: Typische und gar nicht so seltene Unfallverletzung beim Hund: sog. Plexus-Abriss (Durchtrennung des Nervengeflechtes im Achselbereich) Foto: Dr. D. Koch, Tierspital Zürich zum Vergrössern hier klicken (20,4 KB) |
Wesentlich seltener und v. a. viel seltener, als die meisten Tierbesitzer vermuten, sind akute Vergiftungen durch den Verzehr von verdorbenem oder vergiftetem Futter, durch Kontakt mit Gifttieren (z. B. Kreuzotterbisse im Tessin), durch schädliche Medikamente (aus der menschlichen Hausapotheke) oder Chemikalien (z. B. Mäuseköder). Wahrscheinlicher als Vergiftungen sind, v. a. bei jüngeren Tieren, fremdkörperbedingte Darmverschlüsse durch Benagen von Einrichtungsgegenständen und Zerkauen von ungeeigneten Spielsachen.
Vor allem in der warmen Jahreszeit gefürchtet sind allergische Reaktionen auf Insektenstiche, die zu massiven Schwellungen im gesamten Kopfbereich oder gar zur Verlegung der Atemwege führen können. Hitzschläge im Sommer treten v. a. bei im Auto zurückgelassenen Hunden auf.
Typische Notfälle sind auch Trächtigkeits- und Geburtsprobleme. Als hauptsächliche Ursachen kommen Wehenschwäche, Kalziummangel oder Geburtshindernisse (Grössen- oder Lageprobleme, anatomische Defekte) in Frage.
Daneben gibt es aber viele, sich über Tage bis Wochen hinziehende Krankheiten, die plötzlich, scheinbar aus heiterem Himmel, als akute Notfälle in Erscheinung treten. Dazu zählen insbesondere chronische Herz-, Leber- und Nierenleiden, langsam, v. a. im Körperinnern wachsende Tumoren, Vergiftungen, die erst durch die regelmässige Aufnahme kleinster Giftstoffmengen manifest werden, länger bestehende Sickerblutungen in oder aus Hohlorganen (Geschwüre, Verletzungen, Entzündungen im Magen, im Darm, in der Blase, in der Gebärmutter), aber auch die Spätfolgen von lang dauernden Medikamenten-Gaben (v. a. Hormone, Entzündungshemmer, Cytostatika) und von vermeintlich harmlos verlaufenen Unfällen und Verletzungen (Zwerchfellrisse, Blasenrisse, innere Blutungen). Auch Stoffwechselprobleme, wie z. B. eine sich allmählich verschlimmernde Zuckerkrankheit oder eine Steinbildung in Galle, Nieren oder Blase, enden oft, lange Zeit unbemerkt, notfallmässig.
Dieser Artikel ist erschienen im Hundemagazin 6/1999
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Autorin:
med. vet. Christina Sigrist
