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Schwerhörigkeit und Taubheit beim Hund

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Ursachen für Taubheit und Schwerhörigkeit

Reduziertes Hörvermögen kann grundsätzlich aufgrund einer Behinderung der Schallleitung durch das Aussen- und Mittelohr (konduktiver Hörverlust) oder durch ein Problem bei der Aufnahme oder Weiterleitung der Schallwellen im Innenohr zustande kommen (sensorineuraler Hörverlust).

Ein konduktiver Hörverlust entsteht meist im Zusammenhang mit Entzündungen im Aussen- und Mittelohr: durch eine „Verstopfung“ des Gehörganges durch Entzündungsprodukte, Haare und Ohrenschmalz oder Ergüsse in der Paukenhöhle. In selteneren Fällen können auch Tumore die Schallleitung unterbrechen. In all diesen Fällen steht das verminderte Hörvermögen selten als Symptom im Vordergrund; vielmehr sind Schmerzen und Juckreiz im Ohrenbereich Gründe für die Vorstellung beim Tierarzt.

Ein sensorineuraler Hörverlust ist meistens die Folge einer angeborenen oder vererbten Erkrankung des Innenohrs und tritt in der Regel bereits beim Welpen in Erscheinung. Gesunde Jungtiere hören ungefähr ab der zweiten Lebenswoche, wenn sich der Gehörgang geöffnet hat und so lässt sich eine Taubheit auch bereits in frühem Alter erkennen. Zahlreiche Rassen wie der English Setter, Bull Terrier, Jack Russell Terrier, Dogo Argentino oder Australian Cattle Dog, um nur einige zu nennen, sind von der erblichen Form der sensorineuralen Taubheit betroffen.
Hörverluste durch sensorineurale Ursachen sind in der Regel endgültig, da einmal zerstörte Sinneszellen bei Säugetieren nicht regenerationsfähig sind (im Gegensatz zu den Vögeln, bei denen wenigstens bei Jungtieren eine Regeneration stattfinden kann).

Das Paradebeispiel für eine Hunderasse mit vererbter Taubheit ist der Dalmatiner. Dies liegt einerseits sicher an der Häufigkeit von ein- und beidseitig tauben Dalmatinern, die in Populationen ohne entsprechende Massnahmen über 20 % liegen kann. Andererseits haben gerade die Dalmatinerclubs eine führende Rolle in der Bekämpfung dieses Problems eingenommen und nicht versucht, das Problem zu verschweigen. Vor allem dieser Hunderasse ist ein Grossteil unseres heutigen Wissens über die so genannte sensorineurale Taubheit zu verdanken.
Die Ursache für diese Form von Taubheit liegt in einer Degeneration von Anteilen des Innenohrs. Beim Gesunden ist einer der hauptsächlich betroffenen Innenohranteile, das so genannte Corti-Organ, mit einem Rasen von Haarzellen besetzt . Diese haarähnlichen Fortsätze dienen der Aufnahme und Verarbeitung von akustischen Reizen. Im Gefolge von komplexen Mechanismen, bei denen Pigmentzellen (Melanozyten) eine Rolle spielen, degenerieren diese Zellen und werden zerstört . Damit fehlen dem Hund die „Antennen“, um Geräusche aufzufangen und an das Gehirn weiterzuleiten. Es gilt als gesichert, dass die Ursache der Innenohrdegeneration erblicher Art ist. Trotzdem ist es bisher nicht gelungen, den exakten Erbgang zu definieren. Damit können auch die dafür verantwortlichen Gene nur sehr schwer identifiziert werden. Eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung eines genetischen Tests fehlt damit noch. Entsprechende Anstrengungen in diese Richtung sind seit längerem verschiedenenorts im Gange.

Die Tatsache, dass Tiere mit weissem Fell vermehrt von Taubheit betroffen sind, ist hinlänglich bekannt. Bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es verschiedene Erbfaktoren (Gene) gibt, die eine weisse Fellfarbe bewirken und dass nicht alle diese Gene mit Taubheit assoziiert sind. Es scheint, dass die bereits erwähnten Melanozyten, die für die dunkle Pigmentierung bei weissen Hunden mit dem so genannten Piebald-Gen verantwortlich sind (z. B. Dalmatiner, Bull Terrier, Pyrenäen Berghund) auch für eine normale Entwicklung des Innenohrs eine Rolle spielen. Bei diesen Hunden tritt auch ab und zu ein Auge mit blauer Iris (Birkauge) auf und es ist eine Tatsache, dass Hunde mit blauen Augen dieser Rassen mit grosser Wahrscheinlichkeit ein- oder beidseitig taub sind. Auf der anderen Seite gibt es unter den Dalmatinern auch Individuen mit einem bereits bei Geburt sichtbaren schwarzen oder braunen Fleck (so genannter Patch). Normalerweise kommen Dalmatinerwelpen ja gänzlich ohne Flecken zur Welt. Diese Hunde mit Patch – obwohl zur Zucht unerwünscht – sind kaum einmal von Taubheit betroffen. Offenbar scheint der Patch ein sichtbares Merkmal für die schwache Ausprägung des Piebald-Genes zu sein.
Ein weiteres Pigmentations-Gen, das mit Taubheit verbunden sein kann, ist der Merle-Faktor (z. B. Bobtail, harlekinfarbene Doggen, Shelties und andere Rassen mit Merle-Färbung). Hier können sowohl vollständig taube als auch schwerhörige Tiere vorkommen, wobei das Risiko für einen Hördefekt mit zunehmendem Weissanteil in der Fellfarbe und Verpaarung von Merle-Merle-Eltern steigt.

Neben der vererbten Form der sensorineuralen Taubheit, gibt es erworbene Ursachen mit Auswirkungen auf das Innenohr. Die am weitesten verbreitete ist zweifellos die Altersschwerhörigkeit, von der Hunde ab dem 9. Lebensjahr betroffen sein können. Typisch ist hier ein langsames und deshalb oft unbemerktes Abnehmen des Hörvermögens. Hingegen kann es manchmal auch hier zu einer akuten Taubheit kommen. Dieses Phänomen, das als Hörsturz bezeichnet wird, stellt auch bei älteren Menschen keine Seltenheit dar. Einem Hörsturz beim Hund geht oft eine Routinenarkose für eine Zahnsteinentfernung oder gründliche Ohrenreinigung voran. Man vermutet bei diesen Fällen eine vorbestehende, geringe Hörschwäche, die durch die Narkose einen beschleunigten Schub erfährt.
Unter den erworbenen Ursachen gilt es zu erwähnen, dass gewisse Medikamente eine giftige Wirkung auf das Ohr haben. Dazu gehören gewisse Antibiotika, Chemotherapeutika, Schwermetalle oder topische (äusserlich angewendete) Desinfektionsmittel. Vor einer Ohrenbehandlung sollte deshalb immer überprüft werden, ob das Trommelfell intakt ist, um einen Kontakt des Medikaments mit Mittel- und Innenohr zu vermeiden.

Ein Hörverlust nach einem kurz dauernden Knalltrauma ist in der Regel reversibel, d. h. er verschwindet wieder. Bei länger andauernder Lärmexposition kann er aber auch bestehen bleiben. Typischerweise liegt in diesen Fällen der Hörverlust im Bereich der normalen Spracherkennung. Es ist anzunehmen, dass nach solchen Schalltraumata auch beim Hund ein unangenehmes „Pfeifen“ (Tinnitus) im Ohr auftreten kann.

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Dieser Artikel ist erschienen im Hundemagazin
Verlangen Sie eine Probenummer unter Tel. 044 / 835 77 35

Autor
Dr. med. vet. Frank Steffen, Dipl. ECVN
Neurologie/Neurochirurgie, Departement für Kleintiere, Universität Zürich, Winterthurerstr. 260, CH-8057 Zürich
Tierklinik Obergrund, Schlossstr. 11, CH-6005 Luzern