Euthanasie: ein notwendiges Übel?
Eine schwierige Entscheidung
Der Entschluss ein Tier einschläfern zu lassen fällt uns oft schwer, weil wir an ihm hängen und unsere Gefühle sich nicht damit vereinbaren lassen, seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. Die Bindung an unsere Katze entsteht mit dem täglichen Umgang. Für viele unter uns ist die Katze ein Mitglied der Familie, ein Freund und ein treuer Begleiter. Ihr Tod verursacht bei uns die gleichen Gefühle, wie der Tod eines uns nahe stehenden Menschen, zum Beispiel eines Freundes. Natürlich ist die Beziehung zu unserer Katze nicht die gleiche wie die, die uns mit unseren Freunden verbindet, weil wir mit ihr einen anderen Umgang pflegen. Eine Katze kann jedoch zu einem genauso wichtigen Partner werden wie der beste Freund.
Diese starke Bindung führt oft zu komplizierten Situationen, in denen sich unser Beschützerinstinkt, unser Verantwortungsgefühl und unser Sinn für Loyalität gegenüber unserem treuen Begleiter gegen unseren Verstand wehrt. Unser Verstand sagt: Die Katze ist alt, sie leidet, ich kann sie nicht so weiterleben lassen, ihre Lage ist aussichtslos. Warum sollte ich sie also nicht von ihren Qualen erlösen? Ist eine weitere Operation wirklich vernünftig? Kann ich die Kosten für die Behandlung aufbringen? Unser Herz wehrt sich: Sie vertraut mir, sie braucht mich und ich brauche sie, ich habe sie gern. Wie kann ich mich da für ihren Tod entscheiden?
Die Zeit vor der Euthanasie
In dieser Zeit tauchen immer wieder die gleichen Fragen auf: Ist jetzt der richtige Moment gekommen? Wann wird es soweit sein? Ist es nicht zu früh? Ist es nicht zu spät? Diese Fragen werfen uns auf die Kernprobleme der Euthanasie zurück: Wir bestimmen über Leben und Tod, wir entscheiden, ob der Zeitpunkt gekommen ist oder nicht, wir wählen an Stelle unseres Tieres das, was in unseren Augen das Beste ist. Und dieses Beste ist der Tod.
In den meisten Fällen beschliessen wir unsere Katze einschläfern zu lassen, wenn ihre Lebensqualität stark beeinträchtigt ist, wobei mehrere Faktoren ausschlaggebend sein können. Dazu gehören die Wahrnehmung ihres Umfelds (z.B. wenn die Katze im Koma liegt), ihr Alter, ihre Krankheit und der Krankheitsverlauf, ihre Möglichkeiten mit uns sozialen Kontakt aufzunehmen, ihr Appetit, ihre Bewegungsfähigkeit, ihre Fähigkeit sich spontan zu versäubern, oder die Pflege, die sie benötigt. Mit in die Waagschale fallen auch unsere Fähigkeit und unser Wille ihr Leiden mit anzusehen sowie unsere Möglichkeiten und unsere Bereitschaft sie zu pflegen und die Kosten einer Behandlung zu tragen. Die Katze ist ein Bewegungstier und territorial, ein Tier, das auch sehr sozial sein kann. Wenn diese grundlegenden Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können, ist ihre Lebensqualität beeinträchtigt.
Zögert man die Entscheidung zu lange hinaus, so verwischen sich die Grenzen zwischen künstlicher Lebensverlängerung, Misshandlung und guten Absichten. Wartet man nicht lange genug, könnte man es später bereuen. Wenn sich die Frage nicht stellt, dann meist, weil die Antwort offensichtlich ist: Das Tier ist entweder nicht mehr zu retten oder der Besitzer hängt so wenig an ihm, dass es ihm leicht fallen wird es zu ersetzen.
Die Kinder und der Tod ihres Tieres
Ich habe weder Psychologie noch Psychiaterie studiert und kann deshalb lediglich aus eigener Erfahrung sprechen. Sie hat mich gelehrt, dass Kinder sehr vernünftig mit dem Tod ihres Tieres umgehen. Es ist sinnlos das Verschwinden eines Tieres vertuschen zu wollen, indem man es sofort durch ein anderes ersetzt, das ihm vielleicht sogar ähnlich sieht. Ein Kind schliesst aus einem solchen Verhalten, dass ein Tier ein blosses Objekt ist, das ohne weiteres ersetzt werden kann. Ausserdem geben wir ihm damit zu verstehen, dass wir seinen Gefühlen für das Tier nicht viel Wert beimessen, etwa so, als würden wir dem "Kleinen Prinzen" von Saint-Exupéry beweisen wollen, dass "seine" Rose ersetzbar ist. Das ist Betrug und Kinder lassen sich selten etwas vormachen.
Kindern schenkt man am besten reinen Wein ein und erklärt ihnen die Situation, wenn möglich noch vor der Euthanasie. Das Kind darf aber nicht das Gefühl haben, dass es die Verantwortung für die Entscheidung trägt, diese liegt allein bei den Erwachsenen. Verschiedene Broschüren und Bücher können helfen diese schwierigen Momente besser zu überwinden2.
2 zum Beispiel: Baffy, erhältlich beim Konrad Lorenz Kuratorium, PF 1125, 8034 Zürich.
Originalausgabe: Scrumpy, Dale Elisabeth, Joos Frédéric, Andersen Press Ltd, Lomdon
Um Rat fragen
Wenn immer möglich sollte man die Euthanasie mit einer Drittperson diskutieren, bevor man eine endgültige Entscheidung trifft. Die Meinung einer Vertrauensperson ist immer eine wertvolle Hilfe. Sprechen Sie sich mit Ihrem Tierarzt oder mit einem Freund aus, der Sie und Ihre Katze gut kennt.
Der Tierarzt hegt für Ihre Katze nicht die gleichen Gefühle wie Sie. Er kennt sie zwar, betrachtet sie aber von seinem beruflichen Standpunkt aus und stützt sich hauptsächlich auf medizinische Gesichtspunkte. Er wird seinen Rat von der Lebensqualität und dem voraussichtlichen Verlauf der Probleme (Alter, Krankheit, Unfall) abhängig machen.
Dieser Artikel ist erschienen im "Katzen Magazin" 5 / 2002
Verlangen Sie eine Probenummer unter Tel. 044 / 835 77 35
Autorin:
Dr. med. vet. Colette Pillonel, dipl. Verhaltensmedizinerin E.N.V.F.
Bundesamt für Veterinärwesen, Bereich Kommunikation
Schwarzenburgstrasse 161
3003 Bern