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Taubheit bei Katzen

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Da sich der Gehörgang bei Katzen ungefähr erst am 5. Lebenstag öffnet und taube Katzenwelpen meist die Reaktionen ihrer hörenden Geschwister nachahmen, ist es nicht selten, dass eine Taubheit längere Zeit unbemerkt bleibt. Wie bereits erwähnt, erlaubt auch die Stimulation der Tiere mit Geräuschen ausserhalb ihres Blickfelds nur eine ungenaue Beurteilung darüber, ob die Katze hört oder nicht.

Das Hörvermögen der gesunden Katze liegt in einem Frequenzbereich von 45–64 000 Hz. Damit hört die Katze deutlich höhere Tonlagen als der Mensch (bis 23 000 Hz). Hoch- oder Tieftonschwerhörigkeiten können allerdings bei Tieren kaum untersucht werden, da diese Tests auf einer Kommunikation mit dem Patienten beruhen. Eine zuverlässige und objektive Untersuchung des Gehörs geschieht in aller Regel mit einem elektrophysiologischen Test namens „Brainstem auditory evoked response“ meist abgekürzt als BAER oder BAEP. Im deutschen Sprachraum wird auch etwa von Hirnstammaudiometrie oder Hirnstamm evozierten Potenzialen gesprochen.

Der Test wird mit Vorteil unter einer Sedation durchgeführt, da die Katzen die Platzierung der dazu nötigen Ohrenstöpsel und der unter die Haut gesetzten feinen Nadelelektroden im Wachzustand nur schlecht tolerieren. Zusätzlich verhindern so genannte Bewegungsartefakte (fehlerhafte/künstliche Kurven, die auf Grund von Bewegungen entstehen) die Ableitung von eindeutig interpretierbaren Wellen. Durch diese Ohrenstöpsel werden nun so genannte Klick-Stimuli in verschiedenen Lautstärken gesendet, die wie jedes Geräusch via Mittel- und Innenohr als Schallwellen weitergeleitet, im Innenohr in Nervenpotenziale umgewandelt und entlang des Hörnerven ins Gehirn weitergeleitet werden, wo sie messbare Aktivität erzeugen. Diese Aktivität von Innenohr und Gehirn wird durch die Nadelelektroden aufgenommen und durch ein auf einem Computer basierenden System verarbeitet. Dies geschieht auf ähnliche Weise wie eine Antenne Radio- oder TV-Signale aufnimmt oder wie ein EKG die Herzaktivität aufzeichnet. Die aufgezeichneten Wellen (Potenziale) werden mit römischen Ziffern von I bis V nummeriert. Welle I wird in der Cochlea des Innenohrs generiert, also derjenigen Struktur, die bei Vorliegen einer angeborenen Taubheit degeneriert ist. Bei tauben Tieren mit Cochleadegeneration lassen sich somit keine Potenziale ableiten.

Die Sedation der Katzen für die Audiometrie erlaubt auch die gleichzeitige genaue Untersuchung des Gehörgangs und des Trommelfells. Diese hilft dabei, angeborene Taubheiten von erworbenen Ursachen zu unterscheiden. In seltenen Fällen ist z. B. der Gehörgang gar nicht ausgebildet, oder es finden sich Verstopfungen des Gehörgangs. Unter den erworbenen Ursachen für Taubheit und Schwerhörigkeit sind bei jüngeren Katzen insbesondere Polypen des Mittelohrs zu erwähnen, die neben anderen Symptomen wie Juckreiz und – in fortgeschrittenen Stadien – Gleichgewichtsstörungen auch eine reduzierte Hörfähigkeit mit sich bringen können. Für eine vollständige Beurteilung des Hörapparates muss bei Unklarheiten eine tomographische Untersuchung dieser Region durchgeführt werden.

Im Gegensatz zur angeborenen Taubheit kann bei erworbener Taubheit/Schwerhörigkeit die medikamentelle Behandlung einer Entzündung oder die chirurgische Entfernung eines Polypen die Hörfähigkeit wieder weitgehend herstellen. Dies zeigt die Wichtigkeit einer sorgfältigen Abklärung, gerade bei Schwerhörigkeiten.

An dieser Stelle sei ergänzend bemerkt, dass es auch bei Katzen eine Altersschwerhörigkeit gibt. Diese kann ab dem 10. Lebensjahr erwartet werden und verläuft in der Regel langsam fortschreitend, wobei auch akute Hörstürze (z. B. nach Narkosen wegen kleineren Eingriffen) vorkommen können. Grundsätzlich ist eine Altersschwerhörigkeit nicht behandelbar. Die Katzen kommen in aller Regel sehr gut mit dieser eingeschränkten Geräuschwahrnehmung zurecht, weil andere Sinne die fehlende oder schwache Gehörfunktion zumindest teilweise ersetzen können und die während des Lebens gemachten Hörerfahrungen zu einem angepassten Verhalten geführt haben.

Audiometrisches Zeugnis wäre wünschenswert

In einigen Ländern wie Deutschland und Österreich wird zur Zuchtzulassung weisser Katzen ein audiometrisches Zeugnis verlangt, das ein normal funktionierendes Gehör belegt. In der Schweiz und auch in den USA ist dies nicht vorgeschrieben. Somit werden in diesen Ländern oft nur Tiere untersucht, die für den Export in Staaten bestimmt sind, die diese Vorschrift haben. Dies ist mit ein Grund dafür, dass zurzeit noch viele Daten über die tatsächliche Häufigkeit und genaue Verteilung der Taubheit bei Rassekatzen fehlen, und es wäre wünschenswert, dass dieser Wissensmangel durch konsequente audiometrische Untersuchungen angegangen wird, wie dies z. B. bei zahlreichen Hunderassen bereits längst der Fall ist. Anhand dieser Informationen könnten in Zukunft wertvolle züchterische Erkenntnisse gewonnen werden, die nicht zuletzt auch zur Bekämpfung des Problems beitragen würden.

Dieser Artikel ist erschienen im "Katzen Magazin" 5 / 2006
Verlangen Sie eine Probenummer unter Tel. 044 / 835 77 35

Autor:
Dr. med. vet. Frank Steffen
Dipl. ECVN, Neurologie/Neurochirurgie
Tierklinik Obergrund
Schlossstr. 11
6005 Luzern
und
Departement für Kleintiere, Universität Zürich
Winterthurerstr. 260
8057 Zürich